Kiron Studis

Vincent Zimmer von der Kiron Open Higher Education im Interview

Vincent Zimmer

Denn wenn einem nichts anderes bleibt als das, was man im Kopf hat, kann einem zumindest das keiner nehmen.

Im März 2015 gründeten Vincent Zimmer und Markus Kreßler gemeinsam die “Kiron University”. Die Zielvorstellung des Social Startup: höhere Bildung für wirklich jeden erreichbar machen. Den Stein ins Rollen brachte ihre Teilnahme an einer Flüchtlingskonferenz im Sommer 2014. Und seitdem haben die Gründer viel erreicht. Heute sind knapp 2700 Studierende an der Kiron eingeschrieben und es werden stetig mehr. Unterstützt wird das Vorhaben derzeit von rund 47 Partneruniversitäten und 400 Freiwilligen. Wir durften einen der Initiatoren von Kiron – Vincent Zimmer – interviewen und haben mit ihm über die Bildungsteilhabe von Flüchtlingen, die Zukunft von Kiron Open Higher Education und die Benefits der studentischen Flüchtlingshilfe gesprochen.


Vincent, du hast 2015 gemeinsam mit Markus Kreßler die Kiron University gegründet. Was war eure Ausgangsidee?

Die Idee war und ist, dass Bildung der beste Schlüssel ist, um Menschen in einer Fluchtsituation zu helfen. Denn wenn einem nichts anderes bleibt als das, was man im Kopf hat, kann einem zumindest das keiner nehmen.

 

„Egal, ob man sich in eine neue Gesellschaft integrieren oder ob man wieder zurückgehen möchte, um sein Heimatland aufzubauen: Bildung ist immer der Schlüssel dazu.“

 

Und wir haben beide die Erfahrung gemacht, dass Geflüchtete aus vielerlei Gründen diesen Zugang nicht haben. Wir wollten auf der individuellen Ebene Menschen helfen, die wir kannten, und auf der strukturellen Ebene das Problem insgesamt angehen.

 

Warum habt ihr euch in dieser Situation für das Format “digitale Bidlungsplattform” entschieden?

Wir haben ein erstes Konzept schon 2014 ausgearbeitet. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich mich neben dem Studium ehrenamtlich bei “Studieren ohne Grenzen” engagiert, hier geht es um Einzelstipendien-Fundraising. Ich habe festgestellt: Die Arbeit macht sehr viel Spaß, aber es gibt viel mehr Menschen, die Unterstützung brauchen. Und damit war klar: Das Format muss skalierbar sein, eine technische Lösung. Und gerade beim Digitalen kann man die Grenzkosten relativ niedrig halten. Das war die Grundidee für das Modell.

 

Mittlerweile nehmen die ersten Kiron-Studierenden ein reguläres Studium an Partnerhochschulen auf. Gibt es konkrete Erfolgsgeschichten aus dem Kreis eurer Studierenden, die dich besonders stolz machen, die besonders im Kopf bleiben?

Grundsätzlich sind es immer einzelne Erfolgsgeschichten, sodass jeder Studierende, mit dem persönlichen Kontakt hat, sehr präsent ist. Ich greife trotzdem mal zwei heraus: Zum einen Ahmed, den wir ans Bard College transferiert haben. Ahmed ist insofern bemerkenswert, dass er sich parallel auch wissenschaftlich engagiert, auf Konferenzen spricht und zu einer Art Studierendensprecher geworden ist. Zum anderen ist da Kashif, der hat bei uns Ingenieurwesen studiert und hat sich dann doch für eine Ausbildung entschieden. Aber er hat gleichzeitig angefangen, sich politisch zu engagieren. Es ist ihm gelungen, sehr sichtbar zu werden in der Integrationsdebatte und jungen Geflüchteten eine Stimme zu geben.

 

Zusammenarbeit

 

Kiron ist im Kern eine digitale Bildungsplattform, unterhält aber auch physische Studienzentren, beispielsweise in München und Berlin. Welchen Stellenwert hat die persönliche Begegnung bei eurem Modell?

 

„Es gibt neben dem digitalen Forum verschiedene Programme, bei denen es speziell um zwischenmenschliche Kontakte geht. Das beginnt beim Buddy-Programm – hier sollen sich vor allem Studenten der Partneruniversitäten angesprochen fühlen, […]“

 

um bei Alltagsfragen zu helfen: Wie finde ich eine WG? Wo kaufe ich ein? Wie finde ich mich überhaupt zurecht?
Und es reicht bis hin zum Mentoren-Programm, wo wir mit Unternehmen zusammenarbeiten. Sie unterstützten die Geflüchteten beim Goalsetting, bei der Motivation, beim Ergründen, was sie nach dem Studium machen können. Daneben gibt es verschiedene Events, zum Beispiel “Study Weekends” im Sinne von Prüfungswochenenden – hier können die Studenten Prüfungen offline ablegen. Wir planen für die nächste Zeit noch mehr offline Events. Wir versuchen, so viel wie möglich anzubieten, da wir merken, wie wichtig die Kombination aus Online- und Offline-Angeboten für unsere Studierenden ist.

 

Formate wie das Buddy-Programm leben stark von Ehrenamtlern. Ihr habt einen Pool von 400 Volunteers, 200 davon engagieren sich aktiv bei Kiron. Wie kann ich euch als Studierender aktuell am sinnvollsten unterstützen?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Engagement: Die einen wollen kurzfristig helfen, das kann zum Beispiel die Vorbereitung oder Durchführung eines Study-Weekends sein. Am hilfreichsten für uns sind sicherlich die, die sich langfristig engagieren möchten, die sich jede Woche ein wenig Zeit nehmen, um unsere Studierenden zu unterstützen. Wir haben beispielsweise einen Help Desk, wo unsere Studierenden beraten werden. Der Help Desk wird seit zweieinhalb Jahren von vielen Freiwilligen unterstützt. Dieses und andere Beispiele zeigen:

 

„Wir könnten unsere Arbeit ohne die Freiwilligen nicht machen.“

 

 

Warum lohnt es sich unbedingt, als Studierender ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv zu sein?

Ich glaube, wonach wir alle suchen, ist der Sinn im Leben. Und anderen zu helfen ist unglaublich bereichernd. In unserem Fall ist es so, dass die Gefüchteten häufig keine andere Chance haben, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen als durch die Bildung, die wir ihnen bieten. Entsprechend emotional und tiefgehend sind die Kontakte.

 

„Man kann sich sicher sein, dass man mit seinem Engagement etwas bewirkt. Und zwar einerseits einen nachhaltigen Impact,  gleichzeitig aber auch sehr schnelle Erfolge. Man kann sie direkt spüren und nicht erst in drei oder vier Jahren.“

 

Und das ist etwas, was mich in diesem Bereich immer sehr fasziniert hat.

 

Kiron University

 

Entwickeln sich aus der Konstellation Helfer-Flüchtling auch persönliche Freundschaften?

Gerade bei unserem Buddy-Programm ist genau das das erklärte Ziel. Und ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich auf dem Campus von Studenten angesprochen wurde, die mir von entsprechenden Freundschaften erzählen. Um aber mal ein konkretes Beispiel zu nennen, nehme ich meinen eigenen Fall: Ich habe in meiner Göttinger Studienzeit einen unserer heutigen Kiron-Studierenden in meine alte Studenten-WG vermittelt, meine Cousine wohnt noch dort. Er lebt jetzt seit zwei Jahren in der WG und darüber hat sich ein ganz enges Verhältnis entwickelt: Man kocht zusammen, man lebt zusammen, natürlich streitet man sich auch zusammen – es sind ganz normale Menschen, ich will das nicht überhöhen. Aber es war unglaublich bereichernd.

 

 

Wie sieht für dich die Zukunft von Kiron aus, was ist eure weitergehende Vision?

 

„Wir sind schon jetzt viel weiter gekommen, als wir es je gedacht hatten.“

 

Man geht als Gründer ja auch mit einer gewissen Naivität an die Sache dran, “wir machen jetzt erstmal”. Nach zwei Jahren haben wir es geschafft, eine Debatte anzustoßen und eine international Bildungsplattform aufzubauen. Kiron ist bekannt bei allen relevanten Entscheidungsträgern, bei den Universitäten und bei den Geflüchteten selbst. Und wir konnten die ersten unserer Studierenden erfolgreich an Partnerhochschulen transferieren – das Modell ist im akademischen Bereich angekommen und funktioniert tatsächlich.

Eine Vision, an der wir auch weiter festhalten ist, dass wir die Universitäten dieser Welt für Geflüchtete öffnen wollen. Denn die Flüchtlings-Problematik wird immer wieder auf die Agenda kommen – sei es, dass sich gerade in Burma eine Flüchtlingskrise abzeichnet  oder der Klimawandel immer mehr zur Fluchtursache wird.

 

Was sind dabei die größten Herausforderungen für euch?

An Herausforderungen sehe ich dreierlei: Da ist erstens das Organisation-Buildung. Wir haben eine unglaubliche Verantwortung für Menschen. Wir haben Kiron in den letzten beiden Jahren so gut wir eben konnten aufgebaut. Jetzt geht es um eine kontinuierliche Professionalisierung, um qualitätsgesicherte Prozesse für unsere Derzeit 2.700 Studierenden. Das zweite ist die Internationalisierung. Jede Flüchtlingskrise ist anders – hier wird es darum gehen, unser Modell in möglichst vielen Fällen zur Anwendung zu bringen. Drittens geht es um die Finanzierung. Gerade haben wir eine Mischfinanzierung: Wir werden von Ministerien unterstützt, vor allem aber von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen. Hier müssen wir schauen: Wie können wir mit den Mitteln, die wir haben, gut haushalten und wie können wir uns langfristig gut aufstellen?

 

Bildungsaufstieg

Urheber aller verwendeten Bilder ist die Kiron Open Higher Education gGmbH.

 

Ihr wollt mehr über das Studium an der Kiron Open Higher Education erfahren? Oder euch selbst als Volunteer engagieren? Dann besucht die Website  www.kiron.ngo.