Strategien gegen Rassismus

Strategien gegen rassistische Diskriminierung im Alltag

„Es reicht nicht, betroffen zu sein und Mitleid zu haben“

Wie man rassistischer Diskriminierung im Alltag entgegentreten kann? Cecil Arndt, Projektreferentin beim Anti-Rassismus Informations-Centrum (ARIC-NRW e.V.) gibt Tipps und erläutert im Interview, warum die persönliche Haltung entscheidend ist.

Cecil, Rassismus hat viele Gesichter. Gibt es trotzdem so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, auf den man die verschiedenen Formen rassistischer Diskriminierung bringen kann?

In einer rassistisch aufgeladenen Situation etabliert sich immer ein Machtverhältnis zwischen den beteiligten Akteuren: Der einen Seite werden Privilegien zugeordnet, die andere wird herabgesetzt.

Zudem ist Rassismus etwas, das uns alle betrifft und unsere Gesellschaft strukturiert – wir können uns dem nicht entziehen.

Welche Spuren hinterlässt rassistische Diskriminierung speziell bei Geflüchteten?

Die aus meiner Sicht tragischste Spur ist, wenn ich es als Normalzustand begreife, permanent herabgesetzt zu werden, teils  sogar Menschenrechtsverletzungen zu erfahren und dann zu sagen: „Na ja, das ist ja normal hier, erstmal kümmere ich mich um etwas anderes.“ Das wirkt sich auf meine Selbstwahrnehmung aus und auf meine Kraft und Lust, irgendetwas anzugehen.

Rassismus erschwert die Integration in die Aufnahmegesellschaft also erheblich?

Ich würde eher formulieren, dass er die Desintegration bestimmt.

Tipp 1: Die Situation gemeinsam verlassen

Umso wichtiger ist es, gegen Rassismus vorzugehen. Was kann ich tun, wenn ich Zeuge einer rassistisch aufgeladenen Situation werde?

Ich sollte zunächst abschätzen, wer überhaupt beteiligt ist und ob es außer mir noch weitere Beobachter gibt, die möglicherweise zu Verbündeten werden können. Ich sollte mich dann fragen: Ist es nötig, die Täter zu konfrontieren? Oder ist es genauso wirksam und dabei weniger gefährlich, mich dem Opfer zur Seite zu stellen?

Oft hilft es, die Opfer anzusprechen und gemeinsam den Schauplatz zu verlassen.

Und wenn sich die Situation zuspitzt, bis hin zu körperlichen Übergriffen?

Ich würde zuerst die Polizei rufen und mich in einem zweiten Schritt fragen: Wie gefährlich ist es für die Person, wenn ich nicht direkt eingreife? Und: Kann ich mit den Konsequenzen leben? Eingreifen sollte man immer so, dass man sowohl sich selbst als auch die andere Person schützt.

Da geht es gar nicht darum, eine Auseinandersetzung zu gewinnen, sondern einfach nur zu signalisieren: Hey, du bist nicht alleine! Und wir können uns hier wegbewegen.

Tipp 2: Fakten-Wissen bringt nicht viel

Neben Extremsituationen kann Rassismus auch im persönlichen Umfeld präsent sein – sogar an Hochschulen, die ja eigentlich weltoffene Orte sind. Kann ich hier mit faktenbasierter Argumentation etwas ausrichten?

Lasse ich mich auf eine Fakten-Wissen-Diskussion ein, sollte ich wissen: Fakten ändern sich permanent. Und es ist Arbeit, sein Wissen ständig aufzufrischen. Besser kann es sein, argumentative Muster zu hinterfragen, etwa: „Welches ‚wir‘ meinst du denn? Und welches ‚die‘?“ Auch kann ich mein Gegenüber mit seinem Rassismus konfrontieren: „Wenn du dich so äußerst, musst du es dir gefallen lassen, Rassist genannt zu werden. Wenn du dich dagegen wehrst, dann überlege, was du gerade gesagt hast.“ Schließlich kann ich mich einer Situation auch bewusst entziehen, um keine Plattform zu bieten.

Bei der Konfrontation von Rassismus gegenüber Geflüchteten geht es auch um darum, Haltung zu zeigen. Wie eigne ich mir eine entsprechende Haltung an?

Es reicht nicht, betroffen zu sein und Mitleid zu haben. Dann nämlich reduziere ich Geflüchtete auf einen hilflosen EmpfängerInnen- und/oder Opfer-Status. Stattdessen sollte ich mich mit meinen eigenen Denk- und Handelsmaximen, meinen Privilegien und dem Thema Flucht auseinandersetzen. Wenn ich dann wütend genug werde, Dinge lange Zeit gar nicht gesehen zu haben, dann gibt mir das Kraft und ich werde mich in bestimmten Situationen nicht mehr fragen: „Ist das jetzt rassistisch oder nicht?“ Die richtige Haltung habe ich, wenn ich stattdessen sage:

„Ich will, dass diese Welt verdammt nochmal besser wird und dazu verlasse ich auch meine Komfortzone.“