Nachwuchsredakteure „in the making“

Nachbericht zum Wochenendseminar „Innovativer Journalismus 2018“ der UNICUM Stiftung

Und wieder geht ein großartiges Seminarwochenende zu Ende. Auch diesmal kamen rund 35 angehende junge JournalistInnen aus dem gesamten Bundesgebiet auf dem Zauberberg der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zusammen. Thematisch drehte sich in den Tagen vom 02. bis 04. März alles ums Thema digitaler Journalismus. Denn auf dem Arbeitsmarkt wird jungen Medienmachern derzeit viel abverlangt. Umfassende Kenntnisse in den Bereichen SEO, Social Media und CMS gehören mittlerweile zu den wichtigsten Bewerbungskriterien. Auskennen sollte man sich im Idealfall in all diesen Bereichen. Eine Herausforderung aber auch eine Chance.

Anna Lenja Hartfiel: CMS, SEO, journalistisches Schreiben – das macht ein Online-Redakteur

Das betonte auch unser Head of Digital Content Anna Lenja Hartfiel. Sie eröffnete am Freitagabend das Seminar mit einem Kurzworkshop zum Thema Content Management Systeme. Sie erklärte,mit welchen CMS-Tools in der Online-Redaktion von UNICUM gearbeitet wird, wie diese aufgebaut sind und erläuterte die wichtigsten Funktionen von WordPress und Drupal. Zum Abschluss des Themenblocks erhielten die TeilnehmerInnen ein Online-ABC, das alle wichtigen Begriffe für den nächsten Seminartag zusammenfasste. Der Freitag endete mit einer Vorführung des mit zwei Oscars prämierten Journalistenfilms „Spotlight“ in der großen Halle der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach.

Phil Wennker: Schreiben für Menschen und Maschinen – technische Grundlagen für (angehende) Journalisten

Nach einem üppigen Frühstück ging es am Samstag auch direkt ans Eingemachte. Phil Wennker, Inhaber der Agenturen SEOheads, dataheads und Mitgründer der Deep Data Analytics UG zeigte, wie viel Bedeutung der Search Engine Optimization (kurz: SEO) im journalistischen Alltag zukommt und lieferte nützliche Praxis-Tipps im Umgang mit Google und Bing. Auch das Thema Social Media wurde ausführlich behandelt. Besonders im Hinblick auf die Neuerungen, mit denen sich News-Portale zukünftig bei Facebook konfrontiert sehen, gab es spannende Hinweise und Handlungsempfehlungen.

Ergänzend zum eher technischen Input von Phil Wennker, erläuterte Anna Lenja Hartfiel im Rahmen einer Online-Schreibwerkstatt die konkrete praktische Umsetzung von SEO anhand eines aktuellen UNICUM-Beitrags. Dabei hatten alle Teilnehmer die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Außerdem konnten sie sich wichtiges Feedback zu ihrem eigenen Content einholen.

Im Anschluss an den Praxisworkshop übernahm noch einmal Phil Wennker und ergänzte seinen technischen Workshop zum Thema SEO und Social Media um die Komponenten der Monetarisierung von und Erfolgsmessung bei journalistischen Inhalten. Dazu stellte er die wichtigsten Analyse-Tools und Kennzahlen vor, mit denen jeder Journalist vertraut sein sollte.

Nach einem langen und produktiven Abend kamen alle TeilnehmerInnen noch einmal zu einem ungezwungenen Kamingespräch zusammen und stellten den ReferentInnen ihre persönlichen Fragen zu den besprochenen Inhalten.

Mark Heywinkel: Trends im digitalen Journalismus – welche Tools und Insights brauchen Journalisten von Morgen?

Den finalen Tag des Wochenendes füllte Mark Heywinkel mit Leben. Er arbeitet als Head of Developement bei ze.tt, dem jungen Online-Ableger der ZEIT. Er lieferte den TeilnehmerInnen einen umfassenden Einblick in den journalistischen Alltag. Neben der Vorstellung diverser Tools und Strategien zeigte er vor allem berufliche Chancen für junge MedienmacherInnen auf. Außerdem erklärte er die wichtigsten Buzzwords der Journalistenbranche  und vermittelte den Teilnehmern Tipps und Tricks zur journalistischen Selbstvermarktung.

Nach jeder Menge Input, neuen Informationen, interessanten Gesprächen und reichlich guter Verpflegung endete das Seminar-Wochenende an der Theodor-Heuss-Akademie am frühen Sonntagnachmittag. Von SchülerInnen bis jungen HochschulabsolventInnen waren die TeilnehmerInnen bunt gemischt. Es herrschte eine lockere, dennoch konzentrierte Atmosphäre während der Workshops und jeder konnte am Ende wichtige Erkenntnisse für sich mit nach Hause nehmen.

Aktuelle Informationen über dieses und weitere Angebote der UNICUM Stiftung findet ihr auf der UNICUM Stiftung Veranstaltungsseite.

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„Das Ganze ist komplizierter als man denkt…“

Prof. Kanning über Persönlichkeitstests im Bewerbungsverfahren

Kanning Uwe Porträt

Prof. Dr. Uwe Kanning | Foto: Privat

Uwe Kanning belegte beim Wettbewerb „Professor des Jahres 2016“ Platz eins in der Rubrik „Naturwissenschaften/Medizin“. Der Wirtschaftspsychologe von der Hochschule Osnabrück gilt als absoluter Experte in Sachen Personalauswahlverfahren. Wir haben mit ihm konkret über den Einsatz von Persönlichkeitstests  und ihre Bedeutung im Hinblick auf die eigene Berufswahl gesprochen.

Herr Kanning, wie schätzen Sie den Einsatz von Persönlichkeitstests zur Bewerberauswahl ein?

Grundsätzlich befürworte ich den Einsatz von Persönlichkeitstests in einem solchen Kontext. Allerdings unter der Prämisse, dass es sich dabei um wissenschaftlich abgesicherte Verfahren handelt. Außerdem ist die Aussagekraft  von Persönlichkeitstest in den meisten Fällen geringer als die von anderen Methoden wie beispielsweise einem Intelligenztest oder einem sehr guten, hochstrukturierten Interview. Ein Persönlichkeitstest sollte daher als ergänzendes Verfahren verstanden und eingesetzt werden.

Sollte man bei der Durchführung eines Persönlichkeitstests idealerweise einen Experten zu Rate ziehen?

Das wäre in jedem Fall sinnvoll. Studierte Psychologen verstehen genau, wie solche Testungen funktionieren und sind in der Lage die Grenzen der Aussagekraft  von Testverfahren einzuschätzen. Ein Persönlichkeitstest ist eben kein „Brigitte-Test“, bei dem man einfach so ein paar Punkte zusammenzählt und dann kommt am Ende zum Beispiel raus: je mehr Punkte ich habe desto extrovertierter bin ich.

Außerdem kann ich meine Ergebnisse nicht hinreichend interpretieren, wenn ich mich allein teste. Ich verstehe möglicherweise nicht, dass mein Ergebnis an einer Normstichprobe relativiert wird. Dadurch kann ich mich entweder überschätzen oder unterschätzen, was beides ja von Nachteil wäre. Und wenn mir jetzt jemand genau erklärt, „Ja, bezogen auf die Normstichprobe hast du diesen Wert“ und dass man davon ausgeht, dass sich das gegebenenfalls noch verändern kann… Dann hilft es mir natürlich zu verstehen, was dieser Zahlenwert tatsächlich über mich aussagt.

 

Ein Persönlichkeitstest ist eben kein „Brigitte-Test“

 

Welche Tests sind besonders für Studierende/junge Hochschulabsolventen interessant, um sich und die eigene Berufswahl zu reflektieren?

Im Hinblick auf die eigene Studienwahl würde ich das BORAKEL der Ruhr-Universität Bochum empfehlen. Das war eines der ersten Verfahren, das in diesem Kontext wissenschaftlich entwickelt wurde. Außerdem gibt es noch den Hohenheimer Online-Test für Studieninteressierte. Ohne, dass ich den Test genau kenne, würde ich hier davon ausgehen, dass er ebenfalls ein hohes Niveau hat. Prof. Schuler, der den Test entwickelt hat, ist im Bereich Diagnostik die Nummer eins im deutschsprachigen Raum – das rechtfertigt großes Vertrauen meinerseits.

Wenn es allerdings um die Berufswahl geht, ist diese Aufgabe schwer zu bewältigen. Es gibt wahnsinnig viele Berufe und auch innerhalb der Berufe viele Spezialisierungen. Insgesamt soll es mehr als 600 Ausbildungsberufe in Deutschland geben. Vorsicht geboten ist vor allem bei Testverfahren, die einem Präzision vorgaukeln – ganz nach dem Motto: „Mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit wirst du ein erfolgreicher KFZ-Mechatroniker.“ Testverfahren, die so etwas machen, tun das aus Marketinggründen. Aber so leicht  ist es nicht: Gute Testverfahren können mir dabei helfen, auf Ideen zu kommen und Themenfelder einzugrenzen, aber sie nehmen mir nicht die Entscheidung für oder gegen einen Beruf ab. Auch das beste Verfahren kann das nicht.

 

Vorsicht geboten ist vor allem bei Testverfahren, die einem Präzision vorgaukeln

 

Wenn man nun ein Ergebnis hat und sich dieses nicht mit dem eigenen Berufswunsch deckt – ist das ein Grund zur Panik?

Nein, allein auf der Grundlage eines solchen Testverfahrens würde ich mich nicht von meinem Traumberuf verabschieden. Das überschätzt sicherlich die Aussagekraft eines solchen Testverfahrens. Es ist ein Baustein, eine Anregung… Wenn es Widersprüche gibt, dann bedeutet das einfach: Ich muss mich offenbar noch besser informieren. Vielleicht habe ich meinen Wunschberuf falsch eingeschätzt.

 

Testdokument Persönlichkeit

Es gibt verschiedene Formate von Persönlichkeitstests – der klassische Fragebogen mit einer mehrstufigen Skala gehört zu den meist verbreiteten. | Foto: Thinkstock/sinseeho

 

Angenommen ich komme als Bewerber in eine solche Testsituation und möchte meinen zukünftigen Arbeitgeber unbedingt von mir überzeugen. Wie verhalte ich mich?

Ein gutes Auswahlverfahren dient nicht nur dem Arbeitgeber, sondern hilft ja auch mir dabei, einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Bei einem guten Auswahlverfahren profitiere ich als Bewerber also davon, wenn ich authentisch agiere. Allerdings sind die meisten Auswahlverfahren eben nicht gut.

 

Wenn die Arbeitsgeber schlechte Personalauswahl betreiben, muss man eben ein stückweit strategisch vorgehen und mitspielen, um erfolgreich zu sein. Im Extremfall bekomme ich dann aber eine Stelle, die nicht zu mir passt. Das ist ein Dilemma.

 

Ich würde mir wünschen, dass die Unternehmen gute Auswahlverfahren – Die Forschung weiß wie das geht, die Praktiker müssten die Erkenntnisse nur umsetzen. – Und dass dann auf der anderen Seite die Bewerberinnen und Bewerber nicht mehr genötigt sind, sich zu verstellen, um sich im Bewerbungsprozess durchzusetzen. – Die einzelnen Methoden zur Bewerberauswahl  sind im Übrigen auch unterschiedlich anfällig für eine solche sozial erwünschte Selbstdarstellung.

Wie unterscheide ich zwischen zulässigen und unzulässigen Fragen und wie reagiere ich darauf?

Ich würde mir wünschen, dass Bewerber offensiv darauf reagieren und sagen: „Das ist eine unzulässige Frage, die ich nicht beantworten möchte.“ Oder im Falle einer juristisch zwar zulässigen, aber unangebrachten Frage: Diese Information wird Ihnen nicht weiterhelfen bei der Entscheidung, ob ich für die Stelle geeignet bin oder nicht.Dies wäre z. B. bei Fragen nach Freizeitaktivitäten angebracht.

Ich vermute allerdings, dass man den Bewerbern dies zum Nachteil auslegt. Das ist wieder das Dilemma, in dem ich stecke. Aber wenn sich Bewerber massenhaft dagegen wehren würden und sagen: „Das mache ich nicht!“, dann würden auch Arbeitgeber etwas daraus lernen. Mir ist klar, dass eine solche Aussage Mut erfordert, aber vielleicht versucht man es einfach. Damit kann man nämlich auch durchaus mal erfolgreich sein.

Kann man Persönlichkeitstests wirklich mithilfe von vorbereitender Ratgeberliteratur knacken?

Ganz im Gegenteil: Gerade in Bezug auf den klassischen Fragebogen mit einer mehrstufigen Skala gibt es Fälle, wo mir die Ratgeberliteratur sogar schaden kann. Ich gebe mal ein Beispiel: Ein prominenter Ratgeber hat geschrieben, man solle immer in der Mitte ankreuzen. Das hat im Endergebnis aber zur Folge, dass im Auswertungsprofil quasi eine Linie von oben nach unten verläuft. Das würde Personaler stutzig machen. Denn ein solches Profil lässt einen Bewerber als Frau bzw. Mann ohne Eigenschaften erscheinen. Was die Frage provoziert: „Kann es das überhaupt geben?“

 

Auch eine übertrieben positive Selbsteinschätzung kann für mich nachteilig sein.

 

Es ist ja durchaus möglich, dass die Leute, die diesen Test einsetzen, mitdenken. Beispielsweise muss natürlich jemand, der bei der Polizei arbeiten will, Durchsetzungsvermögen vorweisen – wir wollen ja nicht Mutter Theresa im Streifenwagen sitzen haben, aber eben auch nicht Rambo. Auf diese Weise kann ich mich also durch falsche Selbstdarstellung sogar ins Aus manövrieren. Da sieht man, das Ganze ist komplizierter als man denkt.

Rekordverdächtig – ein Rückblick auf den „Professor des Jahres 2017“

Nachbericht zum Wettbewerb

Bereits zum zwölften Mal fand 2017 der Wettbewerb „Professor des Jahres“ statt. Ausrichter in diesem Jahr war die UNICUM Stiftung. Dass es das bisher erfolgreichste Wettbewerbsjahr werden würde, damit hatte zu Beginn der Nominierungsphase am 18. April 2017 keiner gerechnet.  Mit mehr als 2.000 nominierten Hochschullehrenden an insgesamt 250 Hochschulen wurde der bisherige Höchststand aus dem Jahr 2015 weit übertroffen – ein großartiges Ergebnis! Und vor allem ein wichtiger Schritt zur Ausweitung der Förderung des Praxisbezugs im Studium.

Großes Medieninteresse

Entsprechend laut war in diesem Jahr auch das Medienecho zum Wettbewerbsausgang. Neben zahlreichen Lokalmedien berichteten auch größere Medienhäuser über den Wettbewerb und seine Preisträger. Besonders gefreut haben wir uns über die Berichtserstattung in der BILD und beim Mitteldeutschen Rundfunk. Hier ein kleiner Eindruck von der Berichterstattung zum Wettbewerb:

Lokalo - Prof. Ellwart

lokalo.de, 15.11.2017

Focus Online - Prof. Seel

focus.de, 16.11.2017

Lippische Landes-Zeitung - Prof. Falkemeier

lz.de, 27.12.2017

DetektorFM - Prof. Schmeding

detektor.fm, 10.01.2018

Ostfriesen-Zeitung - Prof. Lange

oz-online.de, 24.11.2017

mdr KULTUR - Prof. Kielstein

mdr.de, 20.01.2017

Hamburger Abendblatt - Prof. Jacobs

abendblatt.de, 16.11.2017

Focus - Prof. Bartl

focus.de, 15.11.2017

 

Die Preisverleihungen: von Hörsaal bis Konzertsaal

Alle Preisträger wurden wie bereits in den Vorjahren im Rahmen von Preisverleihungen entweder direkt an ihren Hochschulen oder in entsprechend feierlichem Rahmen geehrt. Dadurch konnte den Studierenden die Möglichkeit gegeben werden, durch persönliche Anwesenheit ihre Wertschätzung für ihre Professoren zum Ausdruck zu bringen.

So zum Beispiel bei der Preisverleihung von Frau Prof. Kielstein am 15. Januar 2018. Ihre Studierenden hatten Ausdrucke mitgebracht mit denen sie „SUPERHEIKE“ buchstabierten.

Preisverleihung Kielstein

Bildmaterial: Universitätsklinikum Halle (Saale), Zentrale Fotostelle, Daniel Gandyra.

Zuvor wurde im  Dezember der Preisträger in der Kategorie Ingeniuerwissenschaften/IT – Prof. Sven Carsten Lange – der Hochschule Emden-Leer ausgezeichnet. Seine überaus gut besuchte Veranstaltung zum Thema „Fertigungstechnik“ bot den Rahmen für die Preisverleihung. Die Jury wurde durch Roman Dykta von Capgemini – einem der Förderer des Wettbewerbs – vertreten.

PdJ 2017 Sven Carsten Lange

Bildmaterial: Hochschule Emden-Leer

Eine Preisverleihung der besonderen Art fand dieses Jahr in Leipzig statt. Und zwar für den Preisträger der Kategorie Geistes-/Gesellschafts- und Kulturwissenschaften Prof. Martin Schmeding. Er wurde für seine Leistungen in der Vorbereitung junger Orgelspieler auf ihre berufliche Praxis im Rahmen seiner Konzertveranstaltung an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Medelssohn Bartoldy“ ausgezeichnet.

PdJ 2017 Schmeding

Bildmaterial: Jörg Singer

Zuletzt wurde am 08. Februar 2018 mit Prof. Matthias Jacobs von der Bucerius Law School in Hamburg der erste Jurist der Wettbewerbsgeschichte ausgezeichnet. Auch für ihn fanden die Studierenden herzliche Worte und lobten sein Engagement in der Ausbildung junger Rechtswissenschaftler. Die Laudatio für Prof. Jacobs hielt stellvertretend für unseren Förderer Hays Herr Christian Jost.

PdJ 2017 Buscerius Jacobs

Bildmaterial: Ronald Frommann/Buscerius Law School

Wir danken unseren Schirmherren – dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – und unseren Förderern Capgemini und Hays für Ihre Unterstützung und freuen uns schon auf den „Professor des Jahres 2018“.

Strategien gegen rassistische Diskriminierung im Alltag

„Es reicht nicht, betroffen zu sein und Mitleid zu haben“

Wie man rassistischer Diskriminierung im Alltag entgegentreten kann? Cecil Arndt, Projektreferentin beim Anti-Rassismus Informations-Centrum (ARIC-NRW e.V.) gibt Tipps und erläutert im Interview, warum die persönliche Haltung entscheidend ist.

Cecil, Rassismus hat viele Gesichter. Gibt es trotzdem so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, auf den man die verschiedenen Formen rassistischer Diskriminierung bringen kann?

In einer rassistisch aufgeladenen Situation etabliert sich immer ein Machtverhältnis zwischen den beteiligten Akteuren: Der einen Seite werden Privilegien zugeordnet, die andere wird herabgesetzt.

Zudem ist Rassismus etwas, das uns alle betrifft und unsere Gesellschaft strukturiert – wir können uns dem nicht entziehen.

Welche Spuren hinterlässt rassistische Diskriminierung speziell bei Geflüchteten?

Die aus meiner Sicht tragischste Spur ist, wenn ich es als Normalzustand begreife, permanent herabgesetzt zu werden, teils  sogar Menschenrechtsverletzungen zu erfahren und dann zu sagen: „Na ja, das ist ja normal hier, erstmal kümmere ich mich um etwas anderes.“ Das wirkt sich auf meine Selbstwahrnehmung aus und auf meine Kraft und Lust, irgendetwas anzugehen.

Rassismus erschwert die Integration in die Aufnahmegesellschaft also erheblich?

Ich würde eher formulieren, dass er die Desintegration bestimmt.

Tipp 1: Die Situation gemeinsam verlassen

Umso wichtiger ist es, gegen Rassismus vorzugehen. Was kann ich tun, wenn ich Zeuge einer rassistisch aufgeladenen Situation werde?

Ich sollte zunächst abschätzen, wer überhaupt beteiligt ist und ob es außer mir noch weitere Beobachter gibt, die möglicherweise zu Verbündeten werden können. Ich sollte mich dann fragen: Ist es nötig, die Täter zu konfrontieren? Oder ist es genauso wirksam und dabei weniger gefährlich, mich dem Opfer zur Seite zu stellen?

Oft hilft es, die Opfer anzusprechen und gemeinsam den Schauplatz zu verlassen.

Und wenn sich die Situation zuspitzt, bis hin zu körperlichen Übergriffen?

Ich würde zuerst die Polizei rufen und mich in einem zweiten Schritt fragen: Wie gefährlich ist es für die Person, wenn ich nicht direkt eingreife? Und: Kann ich mit den Konsequenzen leben? Eingreifen sollte man immer so, dass man sowohl sich selbst als auch die andere Person schützt.

Da geht es gar nicht darum, eine Auseinandersetzung zu gewinnen, sondern einfach nur zu signalisieren: Hey, du bist nicht alleine! Und wir können uns hier wegbewegen.

Tipp 2: Fakten-Wissen bringt nicht viel

Neben Extremsituationen kann Rassismus auch im persönlichen Umfeld präsent sein – sogar an Hochschulen, die ja eigentlich weltoffene Orte sind. Kann ich hier mit faktenbasierter Argumentation etwas ausrichten?

Lasse ich mich auf eine Fakten-Wissen-Diskussion ein, sollte ich wissen: Fakten ändern sich permanent. Und es ist Arbeit, sein Wissen ständig aufzufrischen. Besser kann es sein, argumentative Muster zu hinterfragen, etwa: „Welches ‚wir‘ meinst du denn? Und welches ‚die‘?“ Auch kann ich mein Gegenüber mit seinem Rassismus konfrontieren: „Wenn du dich so äußerst, musst du es dir gefallen lassen, Rassist genannt zu werden. Wenn du dich dagegen wehrst, dann überlege, was du gerade gesagt hast.“ Schließlich kann ich mich einer Situation auch bewusst entziehen, um keine Plattform zu bieten.

Bei der Konfrontation von Rassismus gegenüber Geflüchteten geht es auch um darum, Haltung zu zeigen. Wie eigne ich mir eine entsprechende Haltung an?

Es reicht nicht, betroffen zu sein und Mitleid zu haben. Dann nämlich reduziere ich Geflüchtete auf einen hilflosen EmpfängerInnen- und/oder Opfer-Status. Stattdessen sollte ich mich mit meinen eigenen Denk- und Handelsmaximen, meinen Privilegien und dem Thema Flucht auseinandersetzen. Wenn ich dann wütend genug werde, Dinge lange Zeit gar nicht gesehen zu haben, dann gibt mir das Kraft und ich werde mich in bestimmten Situationen nicht mehr fragen: „Ist das jetzt rassistisch oder nicht?“ Die richtige Haltung habe ich, wenn ich stattdessen sage:

„Ich will, dass diese Welt verdammt nochmal besser wird und dazu verlasse ich auch meine Komfortzone.“

Ramans Erfolgsgeschichte: Integration dank Basketball

Von Syrien ins Siegerland

Wer Raman Omar  in superverständlichem Deutsch von der Stadt Siegen, seinem Basketball- Team, dem Job als Barkeeper und dem Wirtschaftsinformatik-Studium erzählen hört, würde nie auf die Idee kommen, dass der 23-Jährige erst seit zwei Jahren in Deutschland lebt und eine gefährliche Flucht aus Syrien hinter sich hat.

„Das war kacke!“ – Nein, diesen Ausdruck hat Raman Omar (23) wohl nicht im Deutschkurs an der Uni gelernt, sondern eher bei seinen Mannschaftskollegen beim TV Jahn Siegen. Das Basketball-Team war die erste Anlaufstelle für den syrischen Kurden, als er 2015 ins Sauerland kam.

„In Deutschland habe ich das Leben gesehen“,

sagt Raman über seine Motivation sich schnellstmöglich zu integrieren. Ein Mitspieler hat ihn auf die Idee gebracht, auch Wirtschaftsinformatik zu studieren. Auf einen Platz in seinem Wunschfach Zahnmedizin wollte er nämlich nicht warten – und vor allem wollte er auch nicht wieder direkt weg aus Siegen, wo er sich doch gerade erst eingelebt hatte.

Vier Stunden Deutschunterricht pro Tag

Da Raman wichtige Dokumente wie das Abitur-Zeugnis aus der Heimat Syrien mitgebracht hatte, konnte es an der Uni Siegen direkt losgehen, zuerst mit Deutsch-Unterricht. „Jeden Tag vier Stunden  – das war schon hart“, gibt der ehrgeizige Student zu, der vor allem mit der Aussprache zu kämpfen hat: „Ich möchte nach einem richtigen Deutschen klingen!“ Mit Erreichen des Levels B1 war die Schonfrist in seiner Mannschaft vorbei. Es gab keine englischen Übersetzungen mehr für ihn – auch wenn „Wie bitte?“ anfangs zu seiner Standardantwort wurde. Ein Job als Barkeeper förderte die Sprach-Skills zusätzlich.

Krieg war nicht der alleinige Grund für die Flucht

So locker-flockig, wie der 23-Jährige erzählt, könnte man meinen, es sei die Geschichte eines „normalen“ Austauschstudenten, der völlig freiwillig nach Deutschland kam. Doch tatsächlich musste Raman aus dem Heimatland Syrien fliehen – und zwar nicht nur wegen des dort herrschenden Krieges: „Mein Vater wurde bedroht, weil er Politiker in einer kurdischen Partei ist. Und meine Mutter war ebenfalls im Blick der Regierung, weil sie Menschen geholfen hat, die aus anderen Städten nach Aleppo geflüchtet sind.“

Gestrandet auf einer einsamen Insel

Zusammen mit seinen Eltern und den beiden Schwestern (heute 11 und 18 Jahre alt) lebte Raman zunächst ein Jahr lang im Irak, genauer gesagt in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan. Doch als der ISIS einfiel, musste die Familie zurück nach Syrien – um von dort aus in die Türkei zu gelangen, von wo aus ein Boot sie nach Griechenland bringen sollte. Obwohl der Vater genügend Geld für ein spezielles Boot aufbringen konnte, verlief die Überfahrt nicht reibungslos, die insgesamt sieben Passagiere strandeten auf einer kleinen, unbelebten Insel.

„Wir waren für zwölf Stunden bei Kälte auf dieser Insel und mussten zum Beispiel selbst Feuer machen“,

beschreibt Raman die gefährlichste Station seiner Flucht. Als er gerade mit dem Gedanken gespielt hat, zur Hauptinsel zu schwimmen, um Hilfe zu holen, kam die Polizei und brachte die Gruppe ans Festland. In Athen konnte die Familie dann ihr Gepäck entgegen nehmen, das Bekannte hinterher geschickt hatten. Ein Koffer pro Person für die wichtigsten persönlichen Gegenstände musste reichen.

„Hier habe ich alles, hier bleibe ich“

Über mehrere Stationen in Deutschland, unter anderem ein Camp in Dortmund, kamen die fünf nach Siegen – die Stadt in der sich Raman mittlerweile richtig wohlfühlt: „Hier habe ich alles: Meine Freundin, Bekannte, Basketball.“ Seine positiven Erfahrungen möchte Raman auch mit anderen teilen. Im Rahmen des Projekts „Geflüchtete helfen Geflüchteten“ an der Uni Siegen arbeitet er in der Studienberatung und zeigt anderen, wie die ersten Schritte an der Uni funktionieren. Er selbst ist gerade im zweiten Semester und hat sich noch nicht genau festgelegt, in welche Richtung ihn sein Studiengang einmal treibt. Doch eines steht sicher fest:

„Meine Zukunft ist in Deutschland!“

3. Multiplikatorenschulung für studentische Flüchtlingshelfer

Gemeinsam gegen Rassismus und Diskriminierung

Das war sie – die Kompetenzschulung für studentische Flüchtlingshelfer 2017! Bereits zum dritten Mal in Folge haben wir die vom Bundesministerium des Innern geförderte Schulung erfolgreich ausgerichtet. Knapp 50 Vertreter*innen von rund 35 Initiativen aus 11 verschiedenen Bundesländern nahmen am 08. Dezember teils lange Weg auf sich, um an der Veranstaltung im Blue Square der Ruhr-Universität Bochum teilzunehmen.

Im Laufe der ganztägigen Schulung erwartete die Teilnehmer*innen ein attraktives Programm, das neben drei praktischen Kompetenzworkshops ausreichend Zeit zum Netzwerken bot. Thematisch stand in diesem Jahr das Thema „Rassismus und Diskriminierung“ im Vordergrund. Das Ziel? Das Empowerment der ehrenamtlichen Helfer*innen

Drei Referent*innen vermittelten den  Teilnehmer*innen als Themenexperten die wichtigsten Kenntnisse und Fertigkeiten.

In diesem Jahr wieder mit dabei waren:

  • Gudrun Galster (Fachanwältin für Ausländer- und Familienrecht) mit dem Thema „Asyl- und Ausländerrecht für Flüchtlingshelfer“.
  • Dr. Sebastian Bartoschek (Gerichtsgutachter und Inhaber des Instituts für Psychologische Dienstleistungen) mit dem Thema „Umgang mit Traumatisierung bei Flüchtlingen“.

Neu begrüßen konnten wir:

  • Marcus Osei (Anti-Rassismus-Trainer beim Anti-Rassismus Informations-Centrum ARIC-NRW e.V.) mit dem (Praxis-)Thema „Strategien und Techniken für den Umgang mit rassistischer Diskriminierung“.

Besonders im Training mit Anti-Rassismus-Trainer Marcus Osei wurde deutlich, dass die Arbeit der studentischen Flüchtlingshelfer noch lange nicht getan ist. Viele der ehrenamtlichen Helfer*innen werden täglich Zeuge rassistischer Diskriminierung oder sehen sich selbst damit konfrontiert. Diese Erfahrungen teilten die Teilnehmer*innen untereinander und erarbeiteten Strategien und Techniken, um souverän reagieren und  weiterhin ihren so wichtigen Beitrag zur Flüchtlingshilfe leisten zu können.

Ergänzend zur Schulung hat die UNICUM Stiftung ein gedrucktes Themenspezial „Studentische Flüchtlingshilfe“ herausgebracht. Dieses findet ihr als Beihefter in der aktuellen Ausgabe des UNICUM Magazins (07/2017).

Mehr über die Inhalte und den Ablauf der Schulung lest ihr im ausführlichen Veranstaltungsbericht zur Multiplikatorenschulung 2017 auf uniucum.de.

Nachbericht zum Wochenendseminar „Schlüsselkompetenz Kommunikation 2017“

Authentisch kommunizieren im Job und im Bewerbungsgespräch  

Knapp 30 Teilnehmer/innen durfte die UNICUM Stiftung am 03. November 2017 zum  Wochenendseminar “Schlüsselkompetenz Kommunikation 2017” in der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit begrüßen. Angehende Abiturienten, Studierende und junge Absolventen reisten aus ganz Deutschland zum Workshop nach Gummersbach an. Der Ertrag des Wochenendes: verlässliche Kommunikationstechniken fürs berufliche Umfeld, spannende Einblicke in politische Kommunikationsstrukturen sowie die Stärkung der Marke Ich,  gute Gespräche und mehr.

Lisa Roth: Kommunikationspsychologie nach Schulz von Thun – kompakt

Authentisch kommunizieren und dabei gleichzeitig sachlich und professionell bleiben, auch wenn ein schwieriges Gespräch mit der Geschäftsleitung, dem Kollegen oder einer guten Freundin ansteht: Geht das? Klar, das geht! Wie man sich auf solche Gespräche vorbereiten kann, erklärte Lisa Roth vom Schulz von Thun-Institut für Kommunikation im Wochenendseminar „Schlüsselkompetenz Kommunikation 2017“.

In ihrem Slot brachte die Kommunikationstrainerin den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedene Kommunikationsmodelle nahe. Eines davon ist etwa das Kommunikationsquadrat, entwickelt vom berühmten Hamburger Kommunikationspsychologen Professor Friedemann Schulz von Thun: Hier geht es um die vier Seiten einer Nachricht und darum, wie man die Botschaft einerseits senden und andererseits als Empfänger aufnehmen kann. Damit auch sofort nachvollziehbar wurde, wie das Modell denn nun ganz praktisch in einem Gespräch zur Anwendung kommen kann, spickte Trainerin Lisa Roth ihre Erklärungen mit zahlreichen praktischen Übungen.

Außerdem lernten die Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, was konkret bei einer respektvollen Konfrontation – etwa im Feedback-Gespräch mit den Vorgesetzten – zu beachten ist. Wie stellt man sich für so eine Situation innerlich gut auf? Wie geht man souverän mit Kritik um? Und wie schafft man es außerdem, auch die eigenen Wünsche so zu äußern, dass sie ernstgenommen werden?

Wer die Handlungsweisen, die Werte und unterschiedlichen Prinzipien seines Gegenübers erkennt und einordnen kann, der kann auch zielführender kommunizieren. Missverständnisse werden vermieden und ein Problem kann adressiert werden, bevor es überhaupt zu einem Problem werden kann.

Abgerundet wurde der Block der Kommunikationstrainerin Lisa Roth mit der Vergabe eines bewerbungsrelevanten Zertifikats des Schulz von Thun Instituts für die Bewerbungsunterlagen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Klaus Füßmann: Politik als Beruf und Berufung – die Rolle der Kommunikation

In seinem Vortrag erläuterte Klaus Füßmann, Leiter der Theodor-Heuss-Akademie, welche Feinheiten es in der politischen Kommunikation zu beachten gibt. Füßmann hat selbst fünfmal für den Bundestag kandidiert, zuletzt in diesem Jahr – entsprechend groß ist sein Sachverstand. Er erklärte politische, kommunikative Strukturen wie „Negative Campaigning“ oder auch Phänomene wie „Lifestyle-Wahlkampf“ anhand des zurückliegenden Bundestagswahlkampfes. Im zweiten Teil bot Klaus Füßmann einen Überblick, wie ein Berufseinstieg in die Politik gelingen kann.

Annette Dernick: Erfolgreich zum neuen Job – wie Sie Ihren Traumjob bekommen

Abgerundet wurde der Wochenendworkshop schließlich durch die Arbeit mit Annette Dernick, die seit über 20 Jahren Unternehmen und Institutionen als Coach und Dozentin in den Bereichen Kommunikation, Führung und Projektmanagement unterstützt. Hier war vor allem die Frage von Interesse, wie man die Marke „Ich“ zunächst entwerfen und schließlich auch ganz zielgerichtet stärken kann. Um seinen ganz persönlichen Traumjob zu kommen, ist es nämlich zunächst unabdingbar, sich seiner Stärken bewusst zu werden: Was kann ich? Was will ich? Und wie kann ich das erreichen?

Abgesehen von der intensiven Arbeit, die abwechselnd im Plenum und in Kleingruppen stattfand, blieb reichlich Zeit für lockeren Austausch zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und mit den Referentinnen und Referenten. Gelegenheit dazu bestand nicht nur bei den gemeinsamen Mahlzeiten, sondern auch, ganz entspannt und in lockerer Atmosphäre, bei dem ein oder anderen kühlen Getränk in der hauseigenen „Heuss Bar“ der Theodor-Heuss-Akademie. Schließlich sind allerlei Modelle und Theorien zur Kommunikation zwar wertvoll, letztlich gilt dann aber doch: Einfach machen!

Aktuelle Informationen über dieses und weitere Angebote der UNICUM Stiftung findet ihr auf der UNICUM Stiftung Veranstaltungsseite.

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Vincent Zimmer von der Kiron Open Higher Education im Interview

Vincent Zimmer

Denn wenn einem nichts anderes bleibt als das, was man im Kopf hat, kann einem zumindest das keiner nehmen.

Im März 2015 gründeten Vincent Zimmer und Markus Kreßler gemeinsam die “Kiron University”. Die Zielvorstellung des Social Startup: höhere Bildung für wirklich jeden erreichbar machen. Den Stein ins Rollen brachte ihre Teilnahme an einer Flüchtlingskonferenz im Sommer 2014. Und seitdem haben die Gründer viel erreicht. Heute sind knapp 2700 Studierende an der Kiron eingeschrieben und es werden stetig mehr. Unterstützt wird das Vorhaben derzeit von rund 47 Partneruniversitäten und 400 Freiwilligen. Wir durften einen der Initiatoren von Kiron – Vincent Zimmer – interviewen und haben mit ihm über die Bildungsteilhabe von Flüchtlingen, die Zukunft von Kiron Open Higher Education und die Benefits der studentischen Flüchtlingshilfe gesprochen.


Vincent, du hast 2015 gemeinsam mit Markus Kreßler die Kiron University gegründet. Was war eure Ausgangsidee?

Die Idee war und ist, dass Bildung der beste Schlüssel ist, um Menschen in einer Fluchtsituation zu helfen. Denn wenn einem nichts anderes bleibt als das, was man im Kopf hat, kann einem zumindest das keiner nehmen.

 

„Egal, ob man sich in eine neue Gesellschaft integrieren oder ob man wieder zurückgehen möchte, um sein Heimatland aufzubauen: Bildung ist immer der Schlüssel dazu.“

 

Und wir haben beide die Erfahrung gemacht, dass Geflüchtete aus vielerlei Gründen diesen Zugang nicht haben. Wir wollten auf der individuellen Ebene Menschen helfen, die wir kannten, und auf der strukturellen Ebene das Problem insgesamt angehen.

 

Warum habt ihr euch in dieser Situation für das Format “digitale Bidlungsplattform” entschieden?

Wir haben ein erstes Konzept schon 2014 ausgearbeitet. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich mich neben dem Studium ehrenamtlich bei “Studieren ohne Grenzen” engagiert, hier geht es um Einzelstipendien-Fundraising. Ich habe festgestellt: Die Arbeit macht sehr viel Spaß, aber es gibt viel mehr Menschen, die Unterstützung brauchen. Und damit war klar: Das Format muss skalierbar sein, eine technische Lösung. Und gerade beim Digitalen kann man die Grenzkosten relativ niedrig halten. Das war die Grundidee für das Modell.

 

Mittlerweile nehmen die ersten Kiron-Studierenden ein reguläres Studium an Partnerhochschulen auf. Gibt es konkrete Erfolgsgeschichten aus dem Kreis eurer Studierenden, die dich besonders stolz machen, die besonders im Kopf bleiben?

Grundsätzlich sind es immer einzelne Erfolgsgeschichten, sodass jeder Studierende, mit dem persönlichen Kontakt hat, sehr präsent ist. Ich greife trotzdem mal zwei heraus: Zum einen Ahmed, den wir ans Bard College transferiert haben. Ahmed ist insofern bemerkenswert, dass er sich parallel auch wissenschaftlich engagiert, auf Konferenzen spricht und zu einer Art Studierendensprecher geworden ist. Zum anderen ist da Kashif, der hat bei uns Ingenieurwesen studiert und hat sich dann doch für eine Ausbildung entschieden. Aber er hat gleichzeitig angefangen, sich politisch zu engagieren. Es ist ihm gelungen, sehr sichtbar zu werden in der Integrationsdebatte und jungen Geflüchteten eine Stimme zu geben.

 

Zusammenarbeit

 

Kiron ist im Kern eine digitale Bildungsplattform, unterhält aber auch physische Studienzentren, beispielsweise in München und Berlin. Welchen Stellenwert hat die persönliche Begegnung bei eurem Modell?

 

„Es gibt neben dem digitalen Forum verschiedene Programme, bei denen es speziell um zwischenmenschliche Kontakte geht. Das beginnt beim Buddy-Programm – hier sollen sich vor allem Studenten der Partneruniversitäten angesprochen fühlen, […]“

 

um bei Alltagsfragen zu helfen: Wie finde ich eine WG? Wo kaufe ich ein? Wie finde ich mich überhaupt zurecht?
Und es reicht bis hin zum Mentoren-Programm, wo wir mit Unternehmen zusammenarbeiten. Sie unterstützten die Geflüchteten beim Goalsetting, bei der Motivation, beim Ergründen, was sie nach dem Studium machen können. Daneben gibt es verschiedene Events, zum Beispiel “Study Weekends” im Sinne von Prüfungswochenenden – hier können die Studenten Prüfungen offline ablegen. Wir planen für die nächste Zeit noch mehr offline Events. Wir versuchen, so viel wie möglich anzubieten, da wir merken, wie wichtig die Kombination aus Online- und Offline-Angeboten für unsere Studierenden ist.

 

Formate wie das Buddy-Programm leben stark von Ehrenamtlern. Ihr habt einen Pool von 400 Volunteers, 200 davon engagieren sich aktiv bei Kiron. Wie kann ich euch als Studierender aktuell am sinnvollsten unterstützen?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Engagement: Die einen wollen kurzfristig helfen, das kann zum Beispiel die Vorbereitung oder Durchführung eines Study-Weekends sein. Am hilfreichsten für uns sind sicherlich die, die sich langfristig engagieren möchten, die sich jede Woche ein wenig Zeit nehmen, um unsere Studierenden zu unterstützen. Wir haben beispielsweise einen Help Desk, wo unsere Studierenden beraten werden. Der Help Desk wird seit zweieinhalb Jahren von vielen Freiwilligen unterstützt. Dieses und andere Beispiele zeigen:

 

„Wir könnten unsere Arbeit ohne die Freiwilligen nicht machen.“

 

 

Warum lohnt es sich unbedingt, als Studierender ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv zu sein?

Ich glaube, wonach wir alle suchen, ist der Sinn im Leben. Und anderen zu helfen ist unglaublich bereichernd. In unserem Fall ist es so, dass die Gefüchteten häufig keine andere Chance haben, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen als durch die Bildung, die wir ihnen bieten. Entsprechend emotional und tiefgehend sind die Kontakte.

 

„Man kann sich sicher sein, dass man mit seinem Engagement etwas bewirkt. Und zwar einerseits einen nachhaltigen Impact,  gleichzeitig aber auch sehr schnelle Erfolge. Man kann sie direkt spüren und nicht erst in drei oder vier Jahren.“

 

Und das ist etwas, was mich in diesem Bereich immer sehr fasziniert hat.

 

Kiron University

 

Entwickeln sich aus der Konstellation Helfer-Flüchtling auch persönliche Freundschaften?

Gerade bei unserem Buddy-Programm ist genau das das erklärte Ziel. Und ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich auf dem Campus von Studenten angesprochen wurde, die mir von entsprechenden Freundschaften erzählen. Um aber mal ein konkretes Beispiel zu nennen, nehme ich meinen eigenen Fall: Ich habe in meiner Göttinger Studienzeit einen unserer heutigen Kiron-Studierenden in meine alte Studenten-WG vermittelt, meine Cousine wohnt noch dort. Er lebt jetzt seit zwei Jahren in der WG und darüber hat sich ein ganz enges Verhältnis entwickelt: Man kocht zusammen, man lebt zusammen, natürlich streitet man sich auch zusammen – es sind ganz normale Menschen, ich will das nicht überhöhen. Aber es war unglaublich bereichernd.

 

 

Wie sieht für dich die Zukunft von Kiron aus, was ist eure weitergehende Vision?

 

„Wir sind schon jetzt viel weiter gekommen, als wir es je gedacht hatten.“

 

Man geht als Gründer ja auch mit einer gewissen Naivität an die Sache dran, “wir machen jetzt erstmal”. Nach zwei Jahren haben wir es geschafft, eine Debatte anzustoßen und eine international Bildungsplattform aufzubauen. Kiron ist bekannt bei allen relevanten Entscheidungsträgern, bei den Universitäten und bei den Geflüchteten selbst. Und wir konnten die ersten unserer Studierenden erfolgreich an Partnerhochschulen transferieren – das Modell ist im akademischen Bereich angekommen und funktioniert tatsächlich.

Eine Vision, an der wir auch weiter festhalten ist, dass wir die Universitäten dieser Welt für Geflüchtete öffnen wollen. Denn die Flüchtlings-Problematik wird immer wieder auf die Agenda kommen – sei es, dass sich gerade in Burma eine Flüchtlingskrise abzeichnet  oder der Klimawandel immer mehr zur Fluchtursache wird.

 

Was sind dabei die größten Herausforderungen für euch?

An Herausforderungen sehe ich dreierlei: Da ist erstens das Organisation-Buildung. Wir haben eine unglaubliche Verantwortung für Menschen. Wir haben Kiron in den letzten beiden Jahren so gut wir eben konnten aufgebaut. Jetzt geht es um eine kontinuierliche Professionalisierung, um qualitätsgesicherte Prozesse für unsere Derzeit 2.700 Studierenden. Das zweite ist die Internationalisierung. Jede Flüchtlingskrise ist anders – hier wird es darum gehen, unser Modell in möglichst vielen Fällen zur Anwendung zu bringen. Drittens geht es um die Finanzierung. Gerade haben wir eine Mischfinanzierung: Wir werden von Ministerien unterstützt, vor allem aber von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen. Hier müssen wir schauen: Wie können wir mit den Mitteln, die wir haben, gut haushalten und wie können wir uns langfristig gut aufstellen?

 

Bildungsaufstieg

Urheber aller verwendeten Bilder ist die Kiron Open Higher Education gGmbH.

 

Ihr wollt mehr über das Studium an der Kiron Open Higher Education erfahren? Oder euch selbst als Volunteer engagieren? Dann besucht die Website  www.kiron.ngo.

 

 

Lisa Roth vom Schulz von Thun-Institut für Kommunikation im Interview

Achte darauf, dass deine Kommunikation stimmig ist

Lisa Roth ist Referentin der Geschäftsleitung und Nachwuchstrainerin im Schulz von Thun-Institut für Kommunikation. Zudem ist sie als freiberufliche Kommunikationstrainerin und Beraterin in Deutschland und der Schweiz tätig. Sie hat ihren Master of Arts in Erziehungswissenschaften gemacht. Seit 2013 arbeitet Lisa Roth eng an der Seite von Prof. Schulz von Thun und liefert die Modelle und Lehre „quasi von der Quelle“. Wir haben mit ihr über die Bedeutung von Kommunikation für junge Berufseinsteiger gesprochen und Best Practice-Tipps erfragt.

 

Portraitfoto Lisa Roth

 

Sie beschäftigen sich beruflich mit dem Thema Kommunikation. Was fasziniert Sie daran?

Kommunikation fasziniert mich, weil ohne Kommunikation zwischenmenschliche Beziehungen nicht möglich wären. Sobald wir Menschen in Kontakt treten, kommunizieren wir miteinander. Daraus entstehen unzählige Möglichkeiten eines guten Miteinanders. Jedoch entstehen genauso viele Möglichkeiten in Konflikte zu geraten oder sich gegenseitig zu kränken. Mit dem Gelingen der Kommunikation steht und fällt doch fast alles, sei es in unserem Privat- oder Berufsleben.

Warum ist Kommunikation aus Ihrer Sicht für junge Berufsanfänger immer noch einer der gefragtesten Soft Skills?

Die heutige Arbeitswelt ist geprägt durch permanenten Wandel und Veränderung. Abläufe und starre Hierarchien werden seltener. Dabei ist neben fachlicher Expertise meiner Meinung nach vor allem auch gelingende Kommunikation ein entscheidender Faktor für funktionierende Zusammenarbeit und beruflichen Erfolg. Schwierige und immer wieder neue Gesprächssituationen souverän zu meistern und in unterschiedlichen Teams kooperativ und produktiv zusammenarbeiten, gehört zum Alltag eines jeden Mitarbeiters und angehender Führungskraft. Somit ist die Fähigkeit, konstruktiv kommunizieren zu können nachwievor eine Schlüsselqualifikation für die berufliche Zusammenarbeit.

 

„Um dieser Dynamik zu entkommen, ist es wichtig und empfehlenswert, sich um konstruktive und deeskalierende Kommunikation zu bemühen.“

 

Betrachten wir klassische kommunikative Herausforderungen zum Auftakt des Berufslebens: Es droht ein Konflikt. Sei es mit einem schwierigen Kollegen oder Chef. Doch mit einem drohenden Konflikt steht in der Berufswelt womöglich einiges auf dem Spiel. Was würden Sie als Kommunikationsexpertin raten, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen?

Zunächst einmal ist es typisch für Konflikte, dass sich jeder der selbst als Opfer und den anderen als Täter erlebt. Man selbst hat im Konflikt in der Regel das Gefühl, der andere hat angefangen und man selbst wehrt sich nur. Die Krux ist jedoch: in einem Konflikt gibt es nicht den „einen Schuldigen“, der angefangen hat. Typisch für die Dynamik im Konflikt ist, dass eine Person das Verhalten einer anderen als Angriff bewertet, sich daraufhin innerlich angegriffen und bedroht fühlt und nach außen in die Abwehr und den Gegenangriff geht. Dieses Verhalten wird in der Regel vom anderen als Angriff erlebt, woraufhin sich diese Person innerlich angegriffen und bedroht fühlt und nach außen die Abwehr und den Gegenangriff startet. Der Beginn eines Teufelskreises. Eine typische Dynamik im Konflikt.

Um dieser Dynamik zu entkommen ist es wichtig und empfehlenswert, sich um konstruktive und deeskalierende Kommunikation zu bemühen, wie

  1.  aktiv Zuhören
  2. Verständnis zeigen
  3. eigene Interessen benennen und die der Gegenseite erfragen
  4. die subjektive Sichtweise deutlich machen
  5. Selbstkundgabe äußern
  6. Wünsche aussprechen, bevor sie zu Vorwürfen werden

 

„Feedback sagt nicht nur etwas über den Feedbackempfänger aus, sondern immer auch über den Feedbackgeber!“

 

Meine Probezeit endet und das erste große Feedbackgespräch mit der Geschäftsführung steht an. Wie wappne ich mich dafür?

Feedback empfangen will gelernt sein. Zunächst einmal hilfreich sich klar zu machen, dass das Feedback nicht nur etwas über den Feedbackempfänger aussagt, sondern immer auch über den Feedbackgeber! Wenn dem Vorgesetzten Verlässlichkeit nicht wichtig wäre, dann würde er dazu auch kein Feedback geben. Dementsprechend bekommen wir von verschiedenen Vorgesetzten auch verschiedenes Feedback.
Empfehlenswert für das Empfangen von Feedback ist:

Erstmal zuzuhören und aufzunehmen, was der Vorgesetzte einem zurückmelden möchte. Wenn etwas nicht verstanden wurde oder unklar ist, kann man ruhig nachfragen, allerdings sollte man sich nicht rechtfertigen oder verteidigen. Gerne kann man sich für das Feedback bedanken und es empfiehlt sich auch, es ernsthaft für sich zu prüfen und sacken zu lassen.

Um in diesen „Empfangsmodus“ zu gelangen, lohnt es sich, vor dem Gespräch zu überprüfen, ob wir eine geeignete „innere Mannschaftsaufstellung“ mit an Bord haben. Gut, wenn wir als Feedbacknehmer wachsam darauf achten, dass wir im besten Fall innerlich so aufgestellt sind, dass es uns gelingt dem Feedback neugierig, aufgeschlossen und selbstkritisch begegnen.

 

„Wenn Kommunikation nicht nur authentisch und sondern auch situativ angemessen ist, dann ist für ein konstruktives Miteinander viel gewonnen!“

 

Haben Sie eine Art Kommunikations-Top-Tipp, den Sie jungen Berufseinsteigern nahelegen möchten?

Achte darauf, dass deine Kommunikation stimmig ist!

Wenn Kommunikation nicht nur authentisch und sondern auch situativ angemessen ist, dann ist für ein konstruktives Miteinander viel gewonnen! Das bedeutet jedoch auch, dass wir uns von einstudierten Kommunikationstechniken verabschieden müssen. Es geht nämlich nicht nur darum, Regeln zu kennen und Techniken zu beherrschen. Sicherlich lohnt es sich in jedem Fall diese zu kennen und zu üben. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass ich das was mich ausmacht, authentisch und zugleich situationsgerecht in den Kontakt einbringe.

 

Ihr wollt verlässliche Techniken für stimmige, gelingende Kommunikation im beruflichen Umfeld erlernen? Seid vom 03.-05. November 2017 beim Wochenendseminar Schlüsselkompetenz Kommunikation! Noch mehr in die Tiefe geht’s bei den Studierenden-Grundkursen des Schulz von Thun-Instituts für Kommunikation, die wir euch ebenfalls ans Herz legen.